Wie ein Pflaster
Sie sah aus dem Fenster, schaute sich die Landschaft an, ohne wirklich auf sie zu achten, immer einen fernen Punkt fixierend. Wenn der Punkt aus ihrem Blickfeld verschwand, suchte sie sich
schnell einen neuen, irgendwo weit weg, kurz vor dem dicht bewaldetet Horizont. Manchmal beobachtete sie auch die Begrenzungen der benachbarten Spuren, die weißen Balken die entweder schneller
oder langsamer an ihr vorbei schnellten und hinter ihnen zurück blieben, je nachdem wohin sie ihren Blick lenkte.
Es fing an zu regnen und sie schenkte ihre Aufmerksamkeit den Regentropfen, die an der Scheibe herunter tropften und vom Fahrtwind verwischt wurden. Sie genoss es nicht reden zu müssen und
einfach nur ihren Gedanken nachzuhängen. Sie war dankbar das auch er sie nicht zu einem Gespräch zwang. Denn er wusste, dass es nichts zu bedeuten hatte, wenn sie für längere Zeit schwieg. Er
wusste immer was in ihr vorging.Ob er wohl auch jetzt wusste, dass sie sich hinter ihrem Schweigen versteckte? Vermutlich. Sie nahm ihren Schal ab, wickelte ihn enger um den Hals, bis alles
unterhalb ihrer Nase verdeckt war, öffnete ihre schulterlangen Haare und lies sie sich in Gesicht fallen. Die Beine winkelte sie an, so das ihre Knie fast bis zum Kinn reichten.
"Okay Lea, was ist los?", fragte er in seinem typischen "Was ist los?" - Tonfall.
"Was soll los sein?"
"Du hast die Position eingenommen, die du immer einnimmst, wenn du von der Welt nichts mehr wissen willst." Er kannte sie gut, auch wenn es nicht schwer war, ihre abwehrende Haltung zu
deuten.
Wie oft hatte sie sich, in den letzten Jahren, wohl schon so vor Situationen davongestohlen?
Er blickte von der Straße zu ihr, herüber zum Beifahrersitz und legte seinen verständnisvollen Blick auf, zusammen mit einem Stirnrunzeln, das ihr gar nicht gefiel. Der Blick erinnerte sie jedes
Mal ein bisschen an den ihrer beide Schwester, wenn eins ihrer Kinder mal wieder einen Haushaltsgegenstand verschluckt hatte, sie sich dann von der Röntgenaufnahme wegdrehte um ihrem Kind einen
Blick zu zuwerfen, der ihm sagen soll: "Was hast du denn nun schon wieder angestellt?"
Sie seufzte demonstrativ in ihren Schal und beschloss nicht lange um den heißen Brei herum zu reden. Er würde sowieso so lange herumstochern, bis er die empfindliche Stelle getroffen hatte und
sie es ihm vor die Füße spucken würde, wie ein geprügelter Hund. Sie wollte das es schnell geht. So wie ein Pflaster das weg muss.
"Stefan ist ausgezogen."
"Was? Warum? Seit wann?"
Es war seltsam, aber Lea hätte schwören können das er genau diese Fragen, in genau dieser Reihenfolge und in genau diesem erschrockenen und verblüfften Tonfall erwidern würde. Es konnte nerven
Menschen gut zu kennen.
"Wir hatten einen Streit… Nein Kai, du verstehst mich nicht… ein wirklich großer Streit"
Er hatte wieder sein Stirnrunzeln aufgelegt.
"Wir haben uns gegenseitig mit Sachen beworfen, angeschrieen und ich hab ihm sogar seine Plattensammlung hinterher geworfen."
"Das sind...waren über 500!"
"Ich hab mir Zeit gelassen. Nach und nach über den Balkon geworfen."
"Ach Lea. Ruf lieber deinen Anwalt an."
Jetzt seufzte er und sah verbissen auf die Straße. Lea wusste nicht mehr was sie noch sagen sollte. Es gab nichts mehr zu sagen. Sie hatten dieses Gespräch schon oft geführt und wussten wann es
vorbei war. Es war (und Lea war sich langsam ziemlich sicher das es auch aus irgendeinem übernatürlichen, spirituellen Grund so sein sollte) immer das gleiche in ihren, romantischen,
emotionsvollen Beziehungen mit tragisch, dramatischem Ende.
"Das war Nr. …?"
"Vierundzwanzig.", sagte Lea trocken. Der vierundzwanzigste Mann der mit ihr zusammen gewohnt hatte und der sich nach kurzer Zeit mit gepackten Sachen vor ihrer Haustür wieder fand. Man verliebte
sich und war zusammen glücklich, doch sobald es begann ernst zu werden, zog sie die Handbremse jeder Beziehung: die schnelle unkomplizierte Art der Trennung. Wie ein Pflaster eben.
Ein Problem das ihre Schwester nicht kannte. Gutverdienender Mann, Reihenhaus mit Vorgarten und einer Horde Kinder, die ihr Leben völlig auszufüllen schienen. Doch Kais Homosexualität hatte irgendwie den Vorteil, dass sie sich öfter und schneller, ihm anvertraute, als ihrer Schwester. Obwohl Kai seine Partner nur selten wechselte. Lea hatte wieder
damit begonnen imaginäre Ziele in der Ferne anzustarren, als es langsam dunkler wurde und die Bäume am Rand der Landstraße, begannen lange Schatten zu werfen.Kai schaltete die Scheinwerfer an.
"Ich bin es.", sagte sie ohne den Blick vom Fenster zu richten.
Kai schien froh, dass seine Schwester das Gespräch am Laufen hielt.
"Was bist du?"
"Ich bin schuld an all diesen verkorksten Beziehungen. Ich hab ein Problem."
"Anscheinend."
Jetzt drehte Lea sich um, löste sich aus ihrer Haltung und sah in unverwandt an. Das hatte sie nicht erwartet. Verneinen, ein Gegenargument oder wenigstens ein höfliches Verharmlosen der
Situation, aber die Wahrheit…?
"Schau mich nicht so an! Du weißt selbst das du etwas ändern musst."
Aber sie schaute ihn so an. Noch eine lange Zeit bis sie sich abwendete und wieder in ihre alte Position zurückkehrte.
"Ich weiß nicht was ich tun soll."
Wieder ein Seufzer.
"Lea, kann…"
Zwei helle Flecken schoben sich unmittelbar vor ihnen, in den Lichtkegel des Passats. Das Lenkrad wurde von Kai herumgerissen und der Wagen kam ins Schleudern. Das Quietschen der Reifen wurde von
einem dumpfen Aufprall begleitet und sie kamen zum stehen.
"Ist alles in Ordnung?"
"Ja, ja mir geht's gut. Kai, wir haben irgendetwas erwischt!"
Sie stiegen aus und sahen das volle Ausmaß ihres Unfalls. In einer kleinen, roten Pfütze lag ein großer brauner Leib, der sich langsam hebte und senkte. Die Augen des Rehs waren, offen und starr,
auf die graue Fahrbahn gerichtet.
"Oh mein Gott. Wir haben ein Reh angefahren!"I
m ersten Moment wussten beide nicht was sie tun sollten. Die Straße war vollkommen verlassen, sie waren die einzigen weit und breit. Doch als sie den ersten Schock überwunden hatten, rief Kai die Polizei an. Lea holte inzwischen eine Decke aus dem Kofferraum, die sie immer für Notfälle dabei hatten. Allerdings hatten sie sie
noch nie für so einen Notfall gebraucht. Sie legte die Decke vorsichtig über das Tier und setzte sich neben es auf eine weitere Decke.Das Gespräch mit der Polizei war nicht sehr erfolgreich:
"Polizeistelle Gummersbach… Aha… Ja… Bringen sie es am besten von der Fahrbahn weg und legen es an die Seite. So wie sie die Sache geschildert haben, hat es eh nicht mehr lange zu leben. Der
Förster wird es morgen auflesen."
Also setzte sich Kai neben seine Schwester und das sterbende Reh. Lea streichelte den Kopf, des schwer atmenden Tiers.
"Was wolltest du mir eben sagen?"
"Was?"
"Ja, du wolltest eben etwas antworten."
Kai überlegte kurz. Wie konnte sie jetzt noch an ihr Gespräch denken?
"Du weißt nicht was du tun sollst. Vielleicht solltest du zur Abwechslung gar nichts tun."
"Wie meinst du das?" Sie blieb völlig ruhig und blickte weiter in die Augen ihres tierischen Opfers.
"Dich eine Weile von Männern fernhalten. Dich nicht von einer Beziehung in die nächste stürzen, nur um den Schmerz zu betäuben, den der Letzte zurück gelassen hat."
Lea antwortete nicht. Sie hatte eine Beziehung verloren, genau wie sie gleich dieses Geschöpf da vor sich auf dem Boden, verlieren würde, das langsam dahinsiecht, um schließlich am Straßenrand zu
verrotten. Sie wollte nicht das es so endet. Doch es ist passiert und jetzt würde es wieder passieren.
"Du, hast doch immer ein Taschenmesser im Handschuhfach, oder?"
Schnell wie ein Pflaster, ja so soll es sein.
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